Tonja und Kinder

Meine künftige Assistentin war zu diesem Zeitpunkt sechs oder sieben Monate alt. Damals pflegten wir es täglich bis fünf Stunden draußen zu verbringen. Einige Orte in der Stadt waren für sie wie ein Magnet: Tonja eilte aus dem Haus und konnte Stunden auf einem Fleck von 20 Quadratmetern verbringen (wenn ich bereit gewesen wäre, diese Stunden mit ihr dort zu stehen). Damals war es schwer vorstellbar, dass sie Gästeführungen durch Lübeck unternehmen wird. Der Schulhof der Ernestinenschule war ihr besonders ans Herz gewachsen. Der Vorfall, von dem ich hier erzähle, fand dort statt. Es geschah am Morgen. Tonja schleppte mich wieder auf den Schulhof und vertiefte sich in ein gründliches Studium des Rasens, der Wege, der Stützmauern und anderer Elemente der Landschaftsarchitektur. Da alle Kinder sich im Unterricht befanden, war der Innenhof leer, und man hörte nur den monotonen von umliegenden Häusern gedämpften Lärm der Stadt. Plötzlich ertönte von irgendwoher ein Schrei:
- Leute, hierher! Seht mal, wer da ist!
In diesem Moment stürmte eine Gruppe von 10 bis 15 Mädchen im Alter von etwa 10 bis 12 Jahren in unsere Richtung. In ein paar Sekunden beugten sie sich um meine zukünftige Assistentin herum, hockten oder knieten sich und begannen sie zu streicheln, zu umarmen, zu kratzen. 10 bis 30 Hände waren gleichzeitig mit ihr beschäftigt. Die Bandbreite der Gefühle, die die Kinder ergriffen, wurde durch Lachen, Quietschen, Lächeln, Tränen der Zärtlichkeit und durch das, was die Mädchen zu einander sagten, ausgedrückt. Ein Mädchen ließ sich jedoch nicht beirren und fragte mich auf eine sehr nüchterne und sachliche Weise:
- Wollen Sie nicht den Hund verkaufen?
Die Antwort, dass wir den Hund erst seit drei Monaten und noch nicht genug Spaß mit ihm hätten, so dass ein Verkauf nicht in Frage käme, stellte sie völlig zufrieden (woraus ich schloss, dass sie in diesem Moment nicht über genug Taschengeld für den Kauf eines Hundes verfügte).
Plötzlich standen die Mädchen auf und gingen eilig weg. Nur eine blieb sitzen. Das war das Mädchen, das Tonja die ganze Zeit still und mit Tränen in den Augen streichelte. Es war so, als ob sie nicht bemerkt hätte, dass alle bereits gegangen waren. Sie drückte ihre Wange an Tonjas Kopf, richtete sich auf, rief mir "Tschüss!" zu und rannte den anderen hinterher.


Stadtführungen Lübeck