Seltsame Diagnose


Im März vorletzten Jahres, bevor die Pandämie unsere Gegend erreichte und der Frühling die Gegend erwärmte, waren wir an einem Sonntagnachmittag hinausgegangen, um den Zustand unseres Kleingartens (genannt Datscha) zu kontrollieren. Meine zukünftige Assistentin machte sich damals noch keine Gedanken über ihre Karriere als Stadtführerin in Lübeck (und Hamburg) und beschäftigte sich primär mit experimenteller Ernährungswissenschaft.
Sie liebt den Garten. Dort kann sie unbeschwert zwischen Sträuchern und Blumenbeeten, Tomaten und Kürbissen umherhuschen, sich unerlaubt Plastikblumentöpfe schnappen und, als würde sie diese Töpfe als wertvolle Beute verteidigen, Kreise um den Garten ziehen, über verschiedene Hindernisse springen und uns beim Versuch, sie zu fangen und ihr die Töpfe wegzunehmen, mit schlauen Tricks wie ein ausländischer Fußballstar auszuweichen. Die Datscha bietet auch eine gute Gelegenheit, heimlich unter dem Zaun einen Fluchttunnel zu graben und zu den Nachbarn, verführt von Grillaromen, auszubrechen oder, um sich und anderen zu beweisen, was ein Beagle alles kann, einfach wegzulaufen. Man, als Beagle, kann im Garten auch über den Zaun klettern, um die Aktivitäten der Nachbarn zu beobachten oder in ihrer Abwesenheit den Zustand ihrer Kleingärten zu inspizieren. Im Garten ist es auch möglich, alle gängigen essbaren und kaubaren Schätze zu vergraben, die nach einer Woche in der feuchten Erde weich, geschmeidig und manchmal glibberig werden. Ein Ausflug in Schrebergarten ist für meine Assistentin oft mit Ausdauer- und Geschwindigkeitstraining verbunden, wenn sie hin und zurück neben dem Fahrrad läuft. Die Strecke beträgt nur drei Kilometer, was für einen gesunden Hund dieser Rasse, sogar wenn es keine Stopps an den Ampeln und Pinkelpausen gibt, keine große Herausforderung darstellt. Ich laufe von Zeit zu Zeit diese Strecke, aber ohne Pinkelpausen und ohne meine Assistentin.
An dem besagten Sonntag gingen wir zu Fuß. Auf dem Vereinsgelände herrschte an diesem Tag kein großer Andrang. Wir waren wahrscheinlich die Einzigen, die an diesem Tag den Garten besuchten. Wir öffneten das Tor, betraten den Garten, schlossen hinter uns das Tor und ließen die Assistentin von der Leine. Wie immer rannte sie sofort mit gesenktem Kopf und wedelndem Schwanz in den Garten hinein, um die Düfte zu erkunden und Spuren zu erschnüffeln. Nach einer Weile merkte man, dass sie etwas kaute. Als wir augenblicklich neben ihr standen, sahen wir folgendes Bild: Die Assistentin stand in der Nähe eines Apfelbaums, starrte konzentriert in die Unendlichkeit, bewegte ihre Lefzen und Wangen, leckte sie ab und zitterte leicht mit ihren langen Ohren – sie hat etwas gefressen! Ein kurzer Blick genügte, um uns sofort einen Schreck einzujagen. Auf dem Boden unter dem Baum lagen fein säuberlich aufgeschnittene Wurststücke. Der Schrecken wurde nicht durch unsere Anhängerschaft des Vegetarismus oder noch strengerer Ernährungs- und Weltanschauungskonzepte diktiert, denn unser Hund war und ist nicht vegetarisch oder gar vegan. Man kann auch nicht behaupten, dass wir uns ausschließlich von Pflanzlichem und Künstlichem ernähren. Wir brachten aber noch nie eine Wurst (und vor allem nicht von dieser Sorte) in den Garten mit. Sich vorzustellen, dass die Wurst von jemandem, der weder Hunde noch Hundebesitzer mag, in unseren Gartengebracht wurde, war einfach erschreckend. Es ist nicht selten, dass man auf Warnungen stößt, dass hier und da ein Köder ausgelegt wird, der mit Gift oder kleinen scharfen Gegenständen gefüllt ist. Unsere Befürchtungen waren auch deshalb so groß, weil wir in der Woche zuvor im Garten einige Meisenknödel gefunden und aufgesammelt hatten. Zum Glück konnte meine zukünftige Assistentin damals weder lesen noch verbrachte sie viel Zeit vor dem Fernseher und wusste nicht, wie heimtückisch Menschen sein können, deshalb guckte sie uns ganz sorglos und neugierig an. Die Wurstreste wurden sofort in eine saubere Hundekottüte eingetütet und der Hund an die Leine genommen. Ein paar Wurststücke untersuchten wir auf Fremdkörper. Sie schienen glas- und nagelfrei zu sein. Ein Anruf beim Tierarzt wurde getätigt. Auf Anraten des Tierarztes wurde die Polizei verständigt. Nach 15 Minuten traf die Polizei am Tatort ein. Ein Protokoll wurde verfasst. Die Polizisten nahmen die Wurst nicht zur toxikologischen Untersuchung mit und erklärten, dass sie dies nur dann tun würden, wenn sich die Wurstfunde an ungewöhnlichen Orten häufen würden, was auf eine vorsätzliche Handlung hindeuten würde. Die Polizisten streichelten meine zukünftige Assistentin, die nicht verstand, warum man ihr die Wurst weggenommen hatte, ließen ihre Visitenkarte zurück und fuhren zurück zur Polizeiwache, um ihren Kollegen von dem ungewöhnlichen Vorfall und dem niedlichen Hund zu berichten. Da wir nicht wussten, ob die Wurst mit Giftstoffen kontaminiert war oder nicht, folgten wir noch einem Ratschlag des Tierarztes, die Praxis aufzusuchen, um die Wurst aus dem Magen des Hundes zu entfernen. Als wir beim Tierarzt ankamen, klingelten wir an der Tür und wurden von der diensthabenden jungen Tierärztin begrüßt. Die Hündin zeigte keine Anzeichen, die uns hätten beunruhigen müssen. Im Gegenteil, sie erwartete wie immer eine schnelle Untersuchung und etwas Leckeres für ihre Kooperation, Geduld und Tapferkeit. Stattdessen bekam sie eine Injektion, von der sie der Tierärztin in wenigen Minuten zeigte, was sie gefrühstückt hatte und wie die Wurst aussah, die sie vor einer Stunde im Garten gefressen hatte. Als klar wurde, dass es nichts mehr zu zeigen gab, wurde meine Assistentin müde und wollte schlafen. Nach Hause musste ich sie tragen. Ihr wurde bis zum Ende des Tages Bettruhe verordnet, sie bekam etwas geschenkt und wir erhielten eine schmerzhaft hohe Notdienstrechnung mit der Diagnose "Wurst gefressen".
 

Später sagten die Nachbarn, nachdem sie die Geschichte gehört hatten, dass die Meisenknödel und die Wurst höchstwahrscheinlich nicht von einer Person mit böser Absicht auf unserem Gartenboden verteilt wurden, sondern von Krähen ohne jegliche Absicht oder mit der Absicht, unseren Garten als Vorratskammer zu nutzen, nachdem sie ein Vogelfutterhäuschen ausgeraubt hatten.


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